Zehn Thesen zur alternden Gesellschaft

Wie wir die steigende Lebenserwartung für uns nutzen können, erklärt der Zukunftsforscher Matthias Horx.

  1. These
    Mit der Alterung verjüngt sich die Gesellschaft. Es scheint paradox, aber in der alternden Gesellschaft bleiben viele Menschen länger jung: Um die 50 sind Frauen und Männer heute körperlich und vor allem geistig viel beweglicher, als in den 50er- oder 60er- Jahren. Menschen, die man früher als alt bezeichnet hätte, reisen heute um die Welt, gründen Unternehmen oder verwirklichen lang gehegte Lebensträume. Das heißt aber nicht, dass alle immer jünger und fitter werden. Die Soziologie spricht von „Altersdiversität“. Man kann mit 70 sehr jugendlich sein – oder mit 20 sehr alt.
  2. These
    Gesundheit ist der Schlüssel zu mehr Lebensqualität im Alter. Je länger jeder einzelne Mensch lebt, umso wichtiger wird dir Qualität der gewonnenen Jahre. Hier liegen große „Gesundheitspotenziale“ in der Pflege und der Palliativmedizin – also Maßnahmen, die bei chronischen oder unheilbaren Krankheiten Lebensqualität erhalten oder verbessern können. Der Schlüssel zu einem gesunden Alter aber sind Fortschritte in der Behandlung chronischer Erkrankungen und die Vermeidung medizinischer Vorfälle (wie etwa Schlaganfälle), die zu gravierenden Einschränkungen führen.
  3.  These
    Alte Menschen sind keine unfinanzierbare Belastung für das Gesundheitssystem. Die Gruppe der 80- bis 85-Jährigen ist diejenige, die derzeit von allen Generationen am stärksten wächst. In diesem Alter, so sagen uns die Altersforscher, wird das Leben für den überwiegenden Anteil der Menschen beschwerlich. Dennoch belastet diese Generation das Gesundheitssystem nicht überproportional. Denn in dieser Lebensspanne nimmt auch die Anzahl der teuren und sehr teuren Eingriffe wieder ab, die Kosten der medizinischen Versorgung sinken.
  4.  These
    Mit steigendem Alter erweitern sich die biografischen Möglichkeiten. Immer mehr Menschen können ihr Leben vielseitiger und selbstbestimmter planen, weil sich die Lebenszeit verlängert und sie länger aktiv bleiben. Kinder, Karriere und Freizeit: Die einzelnen Lebensbereiche können entzerrt, biografische Muster neu definiert werden. Um diese gewonnene Freiheit wirklich zu nutzen, müssen Menschen allerdings lernen, ihr Umfeld aktiv und sozial mitzugestalten.
  5.  These
    Deutschland braucht einen Wandel zu einer „Altersbejahung““ in Unternehmen. Unternehmen neigen leider noch immer dazu, jede Möglichkeit zur Frühpensionierung älterer Mitarbeiter wahrzunehmen. Andererseits kann es in Zukunft auch nicht darum gehen, alle Älteren in die Erwerbssphäre zu integrieren. Deshalb ist eine Quotenpolitik, wie sie immer wieder gefordert wird, eher kontraproduktiv. Stattdessen bedarf es neuer, flexibler Arbeitskonzepte.
  6. These
    Ausbau des Dienstleistungssektors zur Steigerung der Lebensqualität. Der Trend ist eindeutig: Ältere bleiben so lange wie möglich in ihrem vertrauten Wohnumfeld. Da die Selbstversorgung nicht immer bis ins hohe Alter garantiert ist, müssen mehr Integrationskonzepte entwickelt werden, mit denen weitgehende Selbstständigkeit und Angebote für Versorgung und Geselligkeit geschaffen werden. Hier liegen sozial wie volkswirtschaftlich riesige Potenziale brach.
  7. These
    Mangelnde Weiterbildung im mittleren Alter führt zu einer Bildungspolarisierung die Alterungsprobleme verschärft. Einer relativ stark gebildeten jüngeren Generation stehen viele „unterbildete“ Ältere gegenüber, was die Gesellschaft spaltet. Fazit: Weiterbildungsangebote sind der entscheidende Schlüssel einer silbernen Gesellschaft. Lernen und Weiterlernen lohnt sich in einer Langlebigkeitsgesellschaft ungleich mehr.
  8. These
    Wir müssen uns vom singulären Rentensystem verabschieden. Der Mut, die Redefinition der staatlichen Rente als Grundversorgung im Alter einzugestehen, ist für eine neue und auf gesellschaftlichen Konsens gegründete Alterskultur unabdingbar. Jede Restauration der herkömmlichen Rentenlogik ist dagegen kontraproduktiv.
  9. These
    Vor allem die „weichen“ Faktoren werden über die Zukunft der Gesellschaft entschieden: Selbstkompetenz und Vernetzungsfähigkeit. Viele Ältere haben ein Weltbild und Kommunikationsformen, mit denen sie ihre soziale Isolation selbst fördern. Das führt in hohem Maße zur Hilflosigkeit genau in jenen Jahren, die wir nun als neue Lebensphase dazugewinnen. Denn viele Entscheidungen werden wohl „zu spät“ getroffen: 70- bis 80-Jährige vollziehen zum Beispiel Wohnungswechsel oft erst dann, wenn sie keine ausreichenden Ressourcen für einen Neuanfang mehr haben. Aus einer nachvollziehbaren Scheu vor dem Altersheim werden jedoch Gestaltungsmöglichkeiten vernachlässigt.
  10.  These
    Deutschland braucht eine „Politik der Lebensphasen“ und keine Sonderpolitik für Alte. Es bedarf einer generationsübergreifenden Politik, welche die grundsätzlichen Bedürfnisse verschiedener Lebensabschnitte beachtet. Die stärkere Individualisierung muss in die Politik integriert werden.

Matthias Horx, Gründer des Frankfurter Zukunftsinstituts. Er berät Politiker und Unternehmen. Quelle: Welt am Sonntag Nr. 39 vom 24. September 2006

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